Atmis

Baktrien_1ca. 50 n. d. Z.

Tilla Tepe ist ein Hügel im Norden Afghanistans. 1978 wurden dort bei Ausgrabungen sechs Gräber gefunden, die in die Zeitenwende datieren. Der Fund wird aufgrund der zahlreichen Goldobjekte auch als „baktrisches Gold“ bezeichnet und galt während des Afghanistankrieges zeitweise als verschollen.

Vieles spricht dafür, dass in Tilla Tepe Nomaden oder ehemalige Nomaden beigesetzt wurden, da viele Funde darauf verweisen, wie z.B. eine zusammenklappbare und daher leicht zu transportierende Krone. Auch der für die eisenzeitlichen Steppenbewohner typische Tierstil der Schmuckgegenstände und die in den Gräbern von Tilla Tepe gefundenen Waffen deuten auf die Zugehörigkeit zum Kulturareal eurasischer Reiternomaden hin. Die Bestatteten können möglicherweise den Yuezhi oder Saken zugeordnet werden, welche zum Zeitpunkt der Grablege (um 50 n. d. Z.) in Baktrien eingefallen waren und das Kuschana-Reich errichteten. Die Wissenschaft betont aber, dass eine derart direkte Zuordnung im Kontext des kulturellen Konglomerates in Baktrien unmöglich ist.

Die Mode der sozialen Oberschicht, die Kleidung mit unzähligen Goldplättchen zu bedecken, spiegelt sich auch in Tilla Tepe wider. Man fand tausende kleine unterschiedliche Goldapplikationen, welche ursprünglich Mäntel, Hemden und Kopfbedeckungen zierten. Ihre ehemalige Anordnung auf Kleidersäumen etc. wird als Grundlage für die Rekonstruktion der einzelnen Kleidungsstücke verwendet, welche man aufgrund der ähnlichen materiellen Kultur als den eurasischen Nomaden ähnlich annimmt. Problematisch bei dieser Art der Rekonstruktion ist jedoch, dass die Gräber zum Teil stark gestört waren und die Goldplättchen nicht mehr am ursprünglichen Ort aufgefunden wurden. Vermutlich wurden sie von Nagetieren im Laufe der Zeit auf dem Gelände verteilt. Bis heute wurden nur Rekonstruktionsansätze von Viktor Sarianidi vorgenommen, an denen wir uns in Hinblick auf den Schnitt der Kleidungsstücke orientiert haben.

Die fundlagebedingten Ungenauigkeiten sind hierbei zu berücksichtigen und die Darstellung aus Grab 3 daher nur als Annäherung zu verstehen.

In Grab 6 lag eine Frau, deren Kopf mit einer aufwändigen, goldenen Krone geschmückt war. Sie war faltbar und verweist auf den nomadischen Ursprung. Auf dem Gewand der Toten waren ca. 560 Goldplättchen aufgenäht. Ein Nachbau des Kleides ergab, dass es in dieser Form nur als Totengewand gedient haben kann, da die Anbringung der Goldplättchen dem alltäglichen Gebrauch in keiner Form zweckdienlich war, selbst wenn es sich um ein rituelles Kleidungsstück gehandelt haben sollte. Neben der Frau lag ein Gegenstand, den man heute als Szepter interpretiert. Die Grabbeigaben belegen nicht nur die hohe gesellschaftliche Position der Person, sonder auch die weitreichenden Handelskontakte, von denen sie profitierte: so fand man in ihrem Grab einen chinesischen Silberspiegel, eine parthische Silbermünze und zwei römische Phiolen.

In Grab 3 war ebenfalls eine Frau bestattet, an deren Kleidung wir uns für die Darstellung einer alltagstauglichen Ausstattung aus diesem Kulturareal orientierten. Die Frau trug vermutlich eine hohe Mütze, die mit einem durchbrochenen Goldblech verziert war. Bekleidet war sie mit einem Klappmantel, einem langen Hemd, einer Reiterhose und kurzen Stiefeln. Diese Ausstattung verweist auf die im gesamten Steppengürtel unter den Nomaden gebräuchliche Kleidung.

Hier geht es zu den Ausstattungsdetails dieser Darstellung.

Literatur:
Sarianidi, Viktor (Hg.) (1985): L’Or de la Bactriane. Foulles de la Nécropole de Tillia Tépé en Afghanistan septentrional. Léningrad: Éditions d’art Aurora.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hg.) (2010): Gerettete Schätze aus Afghanistan. Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul. Amsterdam: Production Foundation De Nieuwe Kerk.
Hiebert, Fredrik und Pierre Cambon (Hg.) (2008): Afghanistan. Hidden Treasures from the National Museum, Kabul. Washington D.C.: National Geographic.