Wie bei den Skythen muss man sich unter dem Begriff der „Sarmaten“ eine Sammelbezeichnung verschiedener Völkerschaften vorstellen, die sich durch eine nomadische Lebensweise, Ähnlichkeiten in der materiellen Kultur sowie eine indoeuropäische Sprachfamilie ausweisen. Wie bereits die Skythen bestatteten die Sarmaten sozial bedeutende Personen in Kurganen (Grabhügeln), welche die Hauptquelle archäologischer Funde darstellen. In den reichen Bestattungen finden sich neben den klassischen Beigaben (Waffen, Nahrungsmittel, wie z.B. Fleisch, als Opfergaben, Alltagsgegenstände) auch Luxusgüter, die aus griechischen Kolonien und römischen Provinzen als Importware vom umfangreichen Handel zeugen, der neben ausgedehnten Raubzügen die üppigen Ausstattungen mancher Gräber erklärt.

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Ähnlich den Skythen, welche vermutlich durch kriegerische Expansion aus dem Steppengürtel verdrängt wurden, waren auch die Sarmaten ein kriegerisches Volk, was sich aus den Grabbeigaben ablesen lässt: vor allem Lanzen, Schwerter, Bögen und Dolche sind zusammen mit Defensivausrüstung in Form von Schuppenrüstungen so gut wie immer in Gräbern anzutreffen. Bemerkenswert sind Waffenbeigaben, die sich immer wieder vor allem im Gebiet des südlichen Uralvorlandes an der russisch-kasachischen Grenze auch in Frauengräbern finden und dem 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. zuzuordnen sind. Daneben finden sich aber auch prunkvoll ausgestattete Gefäße aus Ton, Keramik und Glas oder filigran verzierte Toilettenartikel wie Spiegel und Flakons aus edlen Materialien, welche von den außergewöhnlich weitreichenden Handelsbeziehungen der Sarmaten zeugen.

Da Funde aus den niederen Schichten der hoch stratifizierten sarmatischen Gesellschaft fast gänzlich fehlen, viele der Gräber bereits in der Antike geplündert wurden und schriftliche Zeugnisse nur von den „zivilisierten“ Nachbarn der Sarmaten (Griechen, Römer) stammen, ist das Bild, das sich heute von diesen Völkerschaften ergibt, nur sehr lückenhaft.

Bezüglich der Frühphase der sarmatischen Kultur gibt es verschiedene wissenschaftliche Ansätze. Bislang nicht abschließend geklärt ist beispielsweise der kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhang frühsarmatischer und sauromatischer Stammesverbände – es gibt die Theorie, dass es sich dabei um völlig verschiedene Stämme handelte. Andere Ansätze vermuten in den Sauromaten die kulturellen Vorgänger der Sarmaten, während wieder andere darin nur unterschiedliche Namen für die gleiche nomadische Gruppierung sehen.

Basierend auf der Auswertung spezifischer Eigenschaften der materiellen Kultur ist es jedoch möglich, verschiedene Gruppierungen auszumachen. Laut Sulimirski entstand die sogenannte Prokhorovka Kultur (frühsarmatische Kultur) aus einer Vermischung massagetischer und sauromatischer Kulturelemente. Ab dem 5./4. Jh. v. d. Z. bilden sich dann eigenständige frühsarmatische Kulturareale: die Saratov-Gruppe an der unteren Wolga, aus der die Roxolanen möglicherweise hervorgingen und die Orenburg-Gruppe im südlichen Ural, die man mit den Aorsen in Verbindung bringt. Darüber hinaus gibt es die Bashikiran-Gruppe und die Cheliabinsk-Gruppe, welche starke lokale Einflüsse aufweisen. Sulimirski betont, dass trotz erkennbarer einheitlicher Kulturelemente die gesamte Prokhorovka-Kultur als heterogen anzusehen ist.

Die Sarmaten lösten die bis dahin dominierenden Skythen und Sauromaten in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres ab, nachdem sie im 4. Jahrhundert v. Chr. als erste Welle neu ankommender nomadischer Stämme in Folge großer Völkerverschiebungen, die an der Grenze Chinas ihren Ursprung hatten, das Gebiet zwischen Don und Donau erreichten.

Vermutete Siedlungsgebiete und Wanderbewegungen sarmatischer StämmeDieser frühe Beginn der Völkerwanderung ist sehr komplex und heute nicht mehr restlos zu rekonstruieren, zeigt aber deutlich, woher die vielseitigen Einflüsse der Nomadenkulturen im eurasischen Steppengürtel rühren: Nachdem die Hsiung-nu an der Grenze Chinas die Yüeh-chi und Wu-sun vertrieben hatten, drängten letztere nach Baktrien und Nordindien und veranlassten ihrerseits eine Verdrängung der zentralasiatischen Saka. Durch diese Verschiebung erreichten nomadisierende Stämme das Schwarzmeergebiet. Später finden sich durch diese zahllosen Stationen in ihrer Wanderung diverse Einflüsse aus Zentralasien und Baktrien in der sarmatischen Kultur.

Sarmaten lassen sich durch schriftliche Quellen in verschiedene Stämme einteilen, was in großen Teilen Bestätigung durch die Archäologie erfährt. Vor allem durch Strabon sind viele Eigenarten und Stammesnamen der Sarmaten überliefert.

Der wohl früheste Stamm, der im 4. Jahrhundert v. Chr. sowohl archäologisch als auch literarisch nordöstlich des Asov’schen Meeres fassbar wird, ist der der Siraker. Diese Gruppe zeichnet sich durch eine materielle Kultur aus, welche sich kaum von der der Sauromaten unterscheidet. Anscheinend kam es in diesem Gebiet zu einer friedlichen Koexistenz beider Gruppen, die mit einer restlosen Assimilation der sauromatischen Kultur im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr. endete. Im 2. Jahrhundert v. Chr. hatten sich die Siraker so weit ausgedehnt, dass sie das gesamte Gebiet am Unterlauf des Dons bis zum Kaukasusvorland im Süden einnahmen. Ab diesem Zeitpunkt beteiligten sie sich anscheinend sehr aktiv an zahlreichen Schlachten und Kriegen.

Im 2. Jahrhundert v. Chr. taucht schließlich ein Stamm westlich des Don auf, der die dort ansässigen Siraker teilweise verdrängt und Träger einer anderen Kultur ist, welche Elemente östlicher Herkunft in sich trägt. Dabei handelt es sich um die Aorsen, die laut schriftlichen Quellen in Feindschaft mit den Sirakern lebten.

Neben den Sirakern und Aorsen siedelten sich ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. auch andere sarmatische Stämme im Gebiet um das Schwarze Meer an: Jazygen waren im Donaugebiet zu finden, Roxolanen nahmen die weiten Steppenräume zwischen Dnjepr und Don ein.

Im ersten Jahrhundert n. Chr. erscheint eine neue Gruppe am Don, die eine Kultur mit sich bringt, in der sich starke Einflüsse aus Zentralasien und der heutigen chinesischen Grenze bzw. dem Gebiet um den Altai finden und die sich deutlich von den bis dahin vorhandenen Elementen sarmatischer materieller Kultur abhebt. Dabei handelt es sich um die Alanen, welche in der Wissenschaft kontrovers diskutiert werden. Während manche Forscher die Alanen ausnahmslos als den Sarmaten zugehörig ansehen, tendieren andere Wissenschaftler dazu, diesen Stamm als eigenständige Gruppierung zu betrachten. Wie so häufig sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Völkerschaften hier sehr verschwommen und fließend.

Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. verschwinden die typisch sarmatischen kulturellen Muster fast vollständig im Schwarzmeergebiet, da die Sarmaten sich im Westen gegen einfallende Goten behaupten mussten und nur ein Jahrhundert später von den vorbeiziehenden Hunnen in den 370er Jahren vernichtend geschlagen wurden. Trotz einiger Alanen, die sich in den Kaukasus zurückzogen (welche übrigens als Stammväter der heutigen Osseten betrachtet werden) und anderer Alanengruppen, die mit den Vandalen bis Spanien und Nordafrika zogen, ist die sarmatische Kultur ab diesem Zeitpunkt fast restlos verschwunden.

Literatur:
Luk’jasko, S.I.: Die Sarmaten, in: Ausst. kat. Steppengold. Grabschätze der Skythen und Sarmaten am unteren Don, Archäologisches Museum Frankfurt am Main 2003.
 

sowie
Sassezkaja, I.P.: Die Sarmaten im nördlichen Schwarzmeergebiet, in: Ausst. kat. Das Gold der Steppe. Fürstenschätze jenseits des Alexanderreichs, Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim 2009.